Dieter Heuer erzählt

Ab in die Kiste

Eine Geschichte über einen Jungen der ab und zu in die Kiste hüpft

Neben mir wohnte bis vor einigen Jahren eine Familie mit elf Kindern. Ich kann euch sagen, das da täglich das pralle Leben stattfand. Zumindest hörte ich oft die Lautstärke der Nachbarn. Weitere direkte Bekanntschaft erlebte ich mit der Großfamilie nicht. Das lag daran, dass ich beruflich ständig unterwegs war. Meine Ehefrau und die Kinder setzten mich ins Bild. Nach jeder Geschäftsreise erwartete ich neue Informationen. Daraus entstand bei mir der Eindruck einer nachbarlichen Familie mit Hochs und Tiefs.

Die Sippe war Mitglied in einer freikirchlichen Gemeinde. Der Vater war ein strenggläubiger Mensch. Er gehörte zum Kirchenvorstand der Freikirche. In der Kirchengemeinde schätzten viele seine Predigten. Zuhause konnte er sich verschiedentlich nicht überzeugend durchsetzen. Die Ehefrau stand meistens zwischen ihm und den Kindern. Die gemeinsamen Sprösslinge waren im Alter von 12 bis 23 Jahren. Acht Mädchen und drei Jungen strapazierten ihre Eltern. Es gab strenge alltägliche Regeln in der Gemeinschaft. Daran hielten sich die Kinder von klein auf an nicht. Streit, Ermahnung und körperliche Strafen passierten alle naselang.

Besonders erschütterte mich eine traurige Nachricht. Die zweitälteste Tochter beging Selbstmord. Sie stürzte sich von einem Felsvorsprung der Steilküste. Den Grund erfuhr ich sehr viel später. Im Alter von 19 Jahren lebte sie im Dauerstreit mit dem Oberhaupt der Familie. Sie stellte sich oft schützend vor ihre Schwestern. Vergeblich. Sie bezog im Gegenzug körperliche Züchtigung und Hausarrest für ihr Verhalten. Eine Schwester von ihr erzählte Nachbarn von der seltsamen Angewohnheit des Vaters. Im Hausflur lag immer ein Ledergürtel. Die Wirkung des Gürtels erfuhren im Laufe ihrer jungen Lebensjahre

alle Kinder. Das eine fast erwachsene Mädchen ertrug die Engstirnigkeit des Vaters nicht. Seine Art rief bei ihr ein ernsthaftes Problem hervor. Ihr Herzenswunsch war ein Jurastudium. Der Alte untersagte ihr den Wunsch. Er forderte von ihr eine Ausbildung zur Predigerin. Diese Entscheidung führte bei ihr zu seelischen Konflikten. Sie trat in einen Hungerstreik. Sie wurde künstlich ernährt. Davon erholte sie sich geringfügig. Die Trauer in der Familie hielt bei der Mutter und den Kindern an. Der Vater gab sich unbeteiligt.
Die älteste Tochter verließ vor kurzem das Haus, ohne sich von ihrem Vater zu verabschieden. Sie war hochbegabt. Verwandte aus den Vereinigten Staaten
Geschichte
waren Ärzte. Mit deren Hilfe erhielt sie ein Stipendium für ein medizinisches Studium. Ihren Vater sah sie nie wieder.

Merkwürdig erschien mir ein anderer Bericht zu sein. Es hieß, dass die Mädchen und Jungen sich ausschließlich kirchlich zu orientieren hatten. Alle heranwachsenden Kinder waren nicht der Meinung des Alten. Sie schmiedeten einen Plan. Das Ziel war unbeschwert ihre Jugend zu erleben. Keinen Schulfreunden erzählten sie von häuslichen Schwierigkeiten. Das hielten sie
bis zum Ende der Schulzeit geheim. Ein Beispiel wird noch heute oft belächelt. Kein Mädchen durfte mit Freunden zu einer
 
Tanzveranstaltung. Das war verboten. Sie nannten als Grund ihrer Abwesenheit die schulische Theatergruppe. Damit war der Alte zufrieden. Manchmal kontrollierte er die Angaben. In der Schulleitung bestätigte man dann den Termin für die Theater-AG. Ein Kuriosum war noch etwas anderes. Der Vater begutachte seine Kinder zwanghaft. Er beobachtete sogar wann sie sich aus der Wohnung entfernten. Bei den Mädchen achtete er auf sittsame Kleidung. Jeanshosen waren verboten. Kleider und Röcke erlaubt. Dem Vater gegenüber verhielten sich die Töchter gesittet. Kaum hatten sie das Haus verlassen, zogen sie ihre Röcke aus. Die Jeans krempelten die Mädchen herunter. Weiter ging es zur Verabredung.

In dieser Familie war der jüngste ein außergewöhnlich begabtes Kind. In der Schule fiel das auf. Er bestand später sein Abitur mit Auszeichnung. Gleichzeitig hatte er es auch faustdick hinter den Ohren. Er war der Einzige, der sich den Erziehungsversuchen des Vaters widersetzte. Erstaunlich war, das es dem selten auffiel. Natürlich spürte der Kleine ab und zu ebenfalls die Wirkung des Ledergürtels. Das passierte aber nur, wenn er nicht rechtzeitig die Haustür erreichte. Manchmal blieb er bei der Anwesenheit des Alten verschwunden. Jeder wusste, wo er sich aufhielt. Niemand verpetzte ihn. War Vater dann weg, holte ihn irgendein Familienmitglied zurück ins Wohnzimmer. Man ging in der Küche bis zur Sitzbank und klappte den Deckel hoch. Fröhlich lachend stieg der Jüngste aus der Kiste. Ab dem zwölften Lebensjahr gelang der Sprung in die Kiste nicht mehr. Er versteckte sich dann meistens bei Gefahr im Dickicht der bewaldeten Gartenumgebung.

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